Würdigung von Bruno Jelk

(Rede von Eddy Steiner anlässlich der Vergabe des Alexander Burgener-Preises 2010 am 17. Juli 2010)

Dreibein, Rettungswinde, Rettungsbahre, MERS-Rettung (Mulitple Evacuation Rescue System, Longline und es gäbe noch vieles aufzuzählen!

Und all das ist heute im Bergrettungswesen nicht mehr wegzudenken. Hunderte, wenn nicht Tausende von Alpinisten verdanken diesen Erfindungen ihr Leben!
Und darum will die Alexander Burgener Stiftung heute den Mann, der hinter diesen Erfindungen steckt, ehren.

Der Mann, der geehrt wird, ist eine Bergpersönlichkeit, man kann es nicht anders sagen!
Leider zeugen nur wenige Auszeichnungen davon, dass er Anerkennung fand. Dazu gehören Medaillen der Carnegie-Stiftung oder die Auszeichnung für «Alpine Verdienste».

Und heute kommt der Alexander Burgener Preis für besondere Verdienste im Alpinismus dazu!
Alexander Burgener hatte wahrscheinlich einen ähnlichen Charakter und Durchhaltewillen.

«Das geht nicht, also … probieren wir es» sagte einst Alexander Burgener am Col du Lion als kein Vorwärtskommen mehr möglich schien.
Und so ist wohl auch die Motivation des heute Geehrten, die ihn immer wieder angetrieben hat, Neues zu wagen, neues zu erfinden, neue Wege zu begehen.

Vom Hirtenbub zum Lebensretter.
Sein Vater Kanis bleibt ihm zeitlebens ein Vorbild. Als Holzfäller und Bergbauer hiess es früh Hand anlegen. Schon früh übernahm ich Verantwortung, auch für meine Geschwister Viktor und Gemma Und der Geehrte ist stolz – stolz auf seine seine erfolgreiche Familie , seine Ehefrau Madeleine und seine Kinder Fabienne, Thomas, und Bernadette
Der Geehrte, ein gebürtiger «Sensler», war zur Grenzwacht gegangen, weil er im Freiburgischen keine Lehrstelle fand. 1972 kam er auf den Grenzwachtposten Zermatt, durchlief die Bergführer- und Skilehrerausbildung. 1980 wurde er Zermatter Rettungschef. Obwohl er inzwischen gut 2500 Einsätze geleistet hat und dabei viel Tragisches erlebte, hat ihm die Teilzeitaufgabe als Retter vom Dienst die Liebe zu den Bergen nicht vergällt.
Der 63-jährige Vater von zwei Kindern organisiert aber auch Expeditionen und Trekkingreisen, führt Gäste und erteilt Skiunterricht. Die Berge sind seine Welt. Rettungschef will er so lange bleiben, wie ihn die Aufgabe reizt und der Körper mitmacht.
Er ist ein ruhiger, ein bedächtiger Mann. Dabei besteht sein Leben häufig aus Hektik und Überraschungen.
Vor 3 Wochen, als ich ihm den Entscheid des Stiftungsrates mitteilen wollte und ihn auf seinem Natel anrief, sagte er kurz und bündig: Ruf mich später an, ich muss zu einem Einsatz! Umso erfreuter zeigt er sich am anderen Morgen, als ich ihn dann nochmals am Draht hatte.
Denn der Ernstfall diktiert den Alltag dieses Mannes: Allein in den letzten zwei, drei Wochen rückte er Dutzende von Malen aus, um Verunglückte zu suchen und zu bergen. Oft kommt jede Hilfe zu spät, wenndie abgestürzten Bergsteiger tot sind: erstickt, erdrückt, zerschmettert.
Nein, Wut verspüre er keine, selbst wenn er sich immer wieder mit den Folgen unvorsichtigen Verhaltens konfrontiert sehe. Daran denke er im Einsatz nie. «Wir wollen schlicht und einfach Menschen in Not helfen», sagt er. Später kämen sie dann manchmal hoch, die finsteren Gedanken. Er, der pensionierte Grenzwächter wird einfach nachdenklich, wenn er sieht, wie viele Alpinisten allzu sorglos mit der Gefahr umgehen, vielleicht oft auch im Hinterkopf mit dem Gedanken, die Retter holen mich dann schon, wenn es kritisch wird.
Selber habe ich ihn in den 80iger Jahren kennen gelernt, als ich im OK der Patrouille des Glaciers war.
Und es waren wunderbare Gespräche und Momente in den langen Nächten, wenn wir zusammen auf dem Kommandoposten in Zermatt auf die Meldungen der einzelnen Posten warteten und immer froh waren, wenn es ihn als Retter nicht brauchte. Und wenn es doch mal der Fall war, dann konnte er von einer Sekunde auf die andere umschalten und dann war er nur noch Retter, alles andere konnte er sofort verdrängen!

Und jetzt hat wahrscheinlich jeder hier auf dem Platz gemerkt um wen es sich beim Geehrten handelt:
Bruno Jelk aus Zermatt!

Auf der Webseite der Gebrüder Simon und Samuel Anthamatten aus Zermatt, mit Saaser Wurzeln, habe ich folgende Geschichte gefunden, die zeigt, dass Bruno weltweit als gefragter Retter im Einsatz ist!
Am 11.November 2009 wurde Gerold Biner, Pilot und Flugleiter der Air-Zermatt, von Viki Groselj aus Slovenien informiert, dass der Spitzenalpinist Tomaz Humar am Langtang Lirung auf 6300m einen Unfall hatte. Nach ersten Angaben brach sich Humar das Bein und war blockiert. Viki wollte wissen, ob es möglich sei eine Helikopterrettung durchzuführen und wollte dabei nichts unversucht lassen.
Gerold Biner, Chefpilot von der Air Zermatt stellte ein Team zusammen. Am Bruno Jelk (Rettungschef), Robi Andenmatten (Pilot) und Simon Anthamatten verliessen Zermatt am 12.November gegen 11.00 Uhr. Gerold Biner koordinierte den Einsatz von Zermatt aus und konnte ein AS 350 B3 Helikopter in Kathmandu organisieren. Der einzige in Nepal stehende Helikopter, welcher in der Höhe die Leistung hat die Rettung durchzuführen.

Wir kamen am 13.November um 15.30 Uhr in Kathmandu an. Nach einer Sitzung mit der Agentur von Tomas Humar sammelten wir noch mehr Informationen über den Verunfallten. Nach Aussagen der Agentur hatte Humar sogar den Rücken verletzt. Dies teilte er über das Satellitentelefon seinem Koch im Basislager mit. Doch seit 3 Tagen hatte man keine Verbindung mehr zu ihm aufbauen können. Ein Team aus mehreren Sherpas versuchte ihn am 12.November terrestrisch zu retten, doch das Gelände ist zu anspruchsvoll und die genaue Position von Humar war unklar.
Danach traffen wir uns mit der Helikopterfirma ‚Fishtail Air’. Wir erklärten unsere Absichten von einer MERS-Rettung (Mulitple Evacuation Rescue System, aka Longline). Die nepalesischen Helikopteroperatoren und Piloten konnten es nicht verstehen, dass wir uns wirklich an einen Helikopter hängen und so die Evakuation durchführen wollen. Bis anhin wurden in Nepal keine Unterlasten geflogen. Materialtransporte führen die russischen MI-8 Helikopter durch, dabei wird alles Transportmaterial an Bord genommen. Dank der diplomatischen Redenskunst von unserem Piloten Robi Andematten konnten wir die Nepalesen überzeugen, eine Lastenklinke am Helikopter zu montieren. Ebenso benötigten wir das Doppelsteuer, damit Robi den lokalen Piloten assistieren kann und einen zweiten Helikopter, welcher uns Kerosin in die Nähe bringt. Als wir schon im Hotel waren, informierte uns ‚Fishtail Air’, dass wir auch die MERS-Aktion durchführen können. Sie waren skeptisch und forderten, dass ihr Pilot immer an ‚controls’ bleibt.

Um 7.15 Uhr verliessen wir den Kathmandu Flughafen Richtung Langtang Lirung. Captain Sabin Basnyat, Copilot Robi, Bruno und ich. Ein zweiter Helikopter mit Kerosin, Humars Freundin und einer Ärztin folgte uns. Nach 30min Überflug landeten wir auf einem kleinen Airstrip auf 3700m etwa 8km vom Berg entfernt. Das Wetter war bedeckt, die Wolkendecke etwa auf 6500m. Schon nach einem 20minutigen Rekkoflug entdeckte Bruno Humar auf etwa 5600m. Von da an überliess der nepalesische Pilot Robi das Steuer. Er flog einen zweiten Rekkoflug mit mir an Bord, dabei flog er alles vom Copilotensitz aus. Diesmal konnte Robi den Helikopter auf 5600m über dem abgestürzten Humar halten und einige Minuten schweben ohne dass der Helikopter dabei wieder absackte. Wir flogen zurück auf den Airstrip und entschieden uns eine MERS-Aktion durchzuführen. Ich hing mich an ein 25m Statikseil an den Helikopter und wir flogen zurück an die Unfallstelle. Robi konnte mich 10m von Humar entfernt absetzen. Über klassisches Nordwandgelände erreichte ich Humar. Eine terrestrische Rettung in diesem Gelände wäre undenkbar gewesen. Leider konnte ich nur noch den Tod von Humar feststellen. Ich hing ihn an das 25m Seil des Helikopters und Robi flog mit dem Verunglückten davon. Ich wartete eine Viertelstunde bis er zurückkam und mich holte. Wir flogen zurück zum Airstrip wo Bruno den Einsatz koordinierte. Tomaz Humar wurde in die deutsche Botschaft gebracht und wir flogen am selben Tag zurück nach Hause. Am 15.November morgens waren wir wieder in Zermatt.

Leider war unsere Rettung nicht erfolgreich. Tomaz Humar starb am 7234m hohen Langtang Lirung. 24h Stunden nach dem Alarm waren wir in Kathmandu. Dank des erfahrenen und eingespielten Teams konnten wir zum ersten Mal eine MERS-Rettung in Nepal durchführen. Wäre Humar nicht so schlimm verletzt gewesen, hätten wir ihn eventuell retten können.

Das Schicksal wollte es so – und trotzdem findet Bruno immer wieder die Motivation – weiterzumachen!
Bruno – im Namen der vielen von dir Geretteten danke ich dir von Herzen und ich bitte dich jetzt, hier nach vorne zu kommen um den Preis in Empfang zu nehmen!
Darf ich auch den Präsidenten der Stiftung, Renzo Casetti und Beat Anthamatten, Mitglied des Stiftungsrates und Ideengeber für diesen Preis nach vorne bitten!